Neue böse Wesen und so - Kapitel 19


 Vom Aufgeben und Hingeben

Emil rang nach Atem. Nur langsam kehrte er in die Realität zurück.
Zurück in die eigene, verzwickte Situation, in der Hanna ihn mit einem Messer bedrohte und der komische Typ Cornelius einen Bolzen durch den Kopf jagen wollte, während Lilian verzweifelt dazwischen stand und nichts tun konnte, um beiden gleichzeitig zu helfen.
Sein Körper fühlte sich immer noch ganz genommen an. Alles was er gerade gesehen und gefühlt hatte, hatte sich so real angefühlt. So als hätte er das alles selbst erlebt. Dass der Vampir ihn angegriffen hatte und die Schmerzen. Doch Emil wusste, das es nur eine Vision gewesen war, jedoch hatte er keine Ahnung, wie diese funktioniert hatte. Warum hatte er das gesehen? Und war er der einzige? Waren das Cornelius' Erinnerungen gewesen?
In Lilians Augen sah er die Verwirrung, als wäre sie ebenfalls aus einem Traum erwacht und Emil wusste, dass auch sie es gesehen haben mussten. Der Junge musste ein starker Magier sein, wenn er so Erinnerungen manipulieren konnte. Wer war dieser Typ? Und was hatte er mit Hanna zu tun?
„Das sind meine Erinnerungen!“, schire Cornelius und langte mit seiner Hand in die Armbrust. Noch bevor er diese packen konnte, zog der Junge sie zurück. Sein Fuß schnellte vor und drückte Cornelius‘ Kehle, sodass dieser wieder zu Boden sank. Unter röcheln verstummte er.
Lilians Blick hastete von links nach rechts. Ihre Hände fuhren über ihre Schläfen und ihre Stimme klang heiser als sie sprach. „Aber warum hast es mir nicht gesagt?“ Ihre Frage ging scheinbar an Cornelius, der ihr nicht antworten konnte.
Doch die Frage machte für Emil so einiges klar. Lilian hatte bis gerade eben nicht gewusst, was passiert war, nachdem sie gegangen war. Sie hatte ihm von dem Vampir erzählt, aber nicht dass sie ihn umgebracht hatte, weil sie das nicht gewusst hatte. Und Cornelius‘ Reaktion ließ keinen Zweifel daran, dass es genauso passiert war.
„Ich bin beeindruckt“, stellte der Junge nun grinsend fest und sah zu Cornelius hinunter. „Dass die Seher, deine Lüge einfach geschluckt haben. Die hätten einfach nur deine Erinnerungen durchforsten müssen. Es hat ewig gedauert, bis ich dahinter gekommen bin, was passiert ist. Das Ende ist sogar noch besser. Hätte ich gewusst, dass du ein Gasaltwandler bist, wäre das sicher viel einfacher gewesen.“
Lilian hatte die Hände zu Fäusten geballt. „Das hat nichts mit ihm zu tun. Was willst du also von mir?“
Der Junge sah auf und fixierte sie mit seinem Blick. „Du hast damals meine Pläne durchkreuzt. Ich muss sicher gehen, dass das kein zweites Mal passiert.“
„Pläne?! Wovon redest du?“
„Jetzt tu nicht so unschuldig!“, mischte Hanna sich ein. „Sag mir nicht, es war Zufall, dass du genau zur richtigen Zeit aufgetaucht bist und aus Versehen Daniel umgebracht hast!“
„Wer hat dich geschickt?“, fragte der Junge. „Was habt ihr -“ Doch als er Lilians immer noch fragendes Gesicht sah, unterbrach er sich selbst und begann zu lachen. „Es war wirklich Zufall? Na umso besser.“
Das war gar nicht gut. Emil wurde schmerzlich bewusst, dass ihnen damit gerade alle Trumpfkarten verloren gegangen waren. Die Lage war aussichtslos. Er wusste nicht einmal warum das alles passierte und er würde es jetzt auch nicht mehr herauszufinden können. Nur eins war klar, dass dieser Junge das alles hier von langer Hand geplant hatte. Er hatte geglaubt, dass Lilian eine Gefahr für seine Pläne darstellen würde. Aber was sollte das für ein Plan sein und was sollte der Vampir damit zu tun haben sollen?“
„Kommen wir zum Wesentlichen.“ Der Junge strich sich eine Strähne seines Ponys aus dem Gesicht. „Ich bin ein Seher und ich habe euer Spielchen nur so lange mit angesehen, bis ich euch alle in der Falle hatte.“
Das erklärte so viel. Wie Schuppen fiel es Emil von den Augen. Er hatte genau gewusst, dass Emil die Nachricht erhalten würde. Er hatte gewusst, dass Emil sich nicht anders zu helfen wusste, als herzukommen und dass er Cornelius mitbringen würde.
„Komm nicht auf die Idee“, fuhr er fort. „Irgendwas zu versuchen oder mich hinters Licht zu führen. Sonst sind beide tot.“
Emil schluckte. Damit meinte der Junge ihn und Cornelius. Das würden sie nicht tun, versuchte Emil sich immer wieder zu sagen. Doch er wusste genau, dass es nicht so war. Und Lilian konnte nichts tun. Wenn sie etwas versuchen würde, müsste sie einen der beiden opfern.
Nur für einen Moment erwischte Emil sich dabei, darüber nachzudenken, dass sie dann lieber ihn opfern sollte. Doch dann merkte er, dass er weder sich noch Cornelius tot sehen wollte. Das war auch keine Lösung. Er musste einen Weg finden, zu entkommen. Doch das kalte Metall des Messers an seiner Haut, erinnerte seinen Körper daran, sich auf keinen Fall zu bewegen.
„Schon kapiert.“ Lilian versuchte möglichst gelassen zu klingen, doch Emil wusste, wie sehr sie unter Strom stand. „Was willst du?“
„Ich will, dass du den Bund auflöst.“
„Warum sollte ich?“, fuhr Lilian ihn an, doch der harte Ausdruck auf ihrem Gesicht wich für einen Augenblick der Sorge.
„Ich bin Hanna das schuldig. Sie wird sicher auch gut mit dieser Lösung leben können, dass du bis zu deinem Lebensende eine Gefahr für Emil darstellen wirst. Das ist alles. Du löst den Bund auf, und ich lass Emil und den hier gehen.“
Lilian hob den Kopf und sah zu Emil hinüber. Ihr Blick wirkte hilflos und hatte nichts von ihrer sonstigen Stärke. Das beunruhigte ihn nur noch mehr. Seine Beine spürte er kaum noch. Wenn Lilian keinen Ausweg kannte, wie sollte er dann einen finden.
„Hanna“, begann Lilian zögernd. „Warum hast du dich mit ihm eingelassen?“
„Er hat mir geholfen.“ Hanna zog ihren Griff um Emil fester und das Messer kam gefährlich nahe. „Ich kam unter den Augen der Seher nicht an Emil heran. Er hat sie aus dem Weg geräumt.“
„Aber warum Emil? Warum willst du dich an mir rächen? Wir waren mal Freunde.“ Lilian kam einen Schritt auf Hanna zu. Diese wich augenblicklich zurück.
„Das ist vorbei!“ Hanna löste ihre Hand mit dem Messer. Jedoch nur, um es wieder niedersausen zu lassen. Ein plötzlich brennender Schmerz durchzog Emils Schulter und er schrie auf. Die Schmerzen in Cornelius' Erinnerung waren schlimm gewesen, doch das hier war schlimmer. Sein ganzer Körper befahl ihm wegzurennen. Doch er konnte nicht weg, Er biss die Zähne aufeinander.
Hanna zog das Messer wieder aus seiner Schulter und hielt es an seinen Hals. Emil schloss die Augen und versuchte sich auf etwas anderes, als den Schmerz zu konzentrieren, der in seinem Kopf Alarm schlug.
„Ich meine es ernst. Lös' diesen blöden Bund, Lilian! Oder ich töte ihn noch hier und jetzt!“
„Hör besser auf sie“, mischte der Junge sich gelassen ein. „Lös' den Bund und wir haben die Sache hinter uns.“
Emil öffnete die Augen und sah, wie Lilian das Messer vom Boden fischte, dass sie beim Kampf mit dem Ghul verloren hatte. Sie warf einen letzten Blick auf Cornelius und dann auf Emil. Er fing ihren Blick auf, wusste darauf allerdings nichts zu erwidern. Er wusste auch keinen anderen Weg.
Mit der Zunge fuhr sie sich über die Lippen und hob das Messer an ihren linken Unterarm.
Emil konnte nichts tun, um sie davon abzuhalten, wusste aber auch nicht mehr, ob er das überhaupt wollte. Dann war es eben so. Das war also der Zeitpunkt, wo er sich von dem Gedanken verabschieden konnte, sich Lilian jemals wieder nahe zu sein. Der Zeitpunkt, an dem er seine Freundin verlor, weil diese ein Dämon war. Wahrscheinlich würde sie ihm wegen seiner Quelle nicht einmal nahe kommen können.
Die Quelle. Wusste der Junge davon? War das der Grund? Wenn Lilian den Bund löste, lag die magische Quelle auch wieder offen. Würde er versuchen sie zu holen? Das ganze Theater nur wegen der versiegelten Quellen?
Das durfte jetzt einfach nicht passieren. Emil hatte, keine Ahnung, wie stark die Quelle war. Aber der Typ sollte sie auf keinen Fall bekommen. Lilian durfte den Bund nicht lösen. Emil versuchte sich zu bewegen. Der Schmerz schoss direkt in seinen Kopf und machte ihn orientierungslos. Er konnte nicht tun. Rein gar nichts. Über seine Lippen kam kein Wort. Lilian hätte es ohnehin nicht umgestimmt.
„Violetta“, sprach Lilian in die Stimme hinein. „Dein Name soll nicht mehr mir gehören. Du sollst frei sein, so wie ich es bin.“
Wo blieben die Seher? Warum kamen sie nicht wie sonst? Irgendwas musste passieren. Irgendwas.
Mit einer raschen Bewegung führte sie das Messer über ihre Haut. Langsam färbte sich die Stelle rot und Lilian streckte den Arm aus.
„Violetta“, wiederholte sie und zögerte. Hoffte sie auch noch auf Rettung? Hatte sie etwas bemerkt? Doch die Antwort darauf war nur eine gefühlt endlos lange Stille. Mit einem letzten verzweifelten Blick auf Emil, sprach sie die magischen Worte zuende. „Hiermit löse ich den Bund.“
Kaum hatte sie es ausgesprochen, sackte Lilian in sich zusammen. Auf dem Boden kauernd, begann sie zu husten und das Husten wurde zu einem Würgen. Das Blut aus ihrem Handgelenk verteilte sich langsam auf dem Betonboden. Sie war nicht tot. Noch nicht.
Das metallischen Klicken der Armbrust. Emil fuhr mit dem Kopf herum. Cornelius' umklammerte die Armbrust und zog sie Richtung Boden. Der Bolzen knallte nur einige Meter vor ihnen auf den Boden. Schnaubend riss der Junge die Armbrust aus Cornelius‘ Griff, zog einen weiteren Bolzen und zielte scheinbar erneut auf die am Boden hockende Lilian.
Doch bevor er erneut abdrücken konnte, entzog Cornelius seinen Beinen den Boden und brachte ihn zu Fall. Die Armbrust schlitterte aus seiner Hand über den Boden.
Cornelius' Äußeres flackerte und er nahm die Gestalt des Vampirs aus der Erinnerung ein. Mit der neuen Statur schien Cornelius dem Jungen nun deutlich körperlich überlegen. Er beugte sich über ihn und mit der Faust schlug er auf dessen Gesicht ein.
Einige Schläge musste der Junge einstecken, bevor er Cornelius‘ Fäuste zu packen bekam und diesen aus dem Gleichgewicht brachte.
Emil merkte, wie Hannas Hände und damit auch das Messer zitterten. Sie war sich scheinbar unsicher, was sie jetzt tun sollte. Dass sie in diesem Moment zögerte, rettete Emil wahrscheinlich das Leben.
Denn Lilian war schneller. Bevor Hanna dazu kam, ihren Plan doch umzusetzen und Emil die Kehle aufzuschlitzen, hatte Lilian bereits ihre Hände gegriffen. Mit einem Schmerzensschrei ließ Hanna Emil los. Lilian schubste Emil zur Seite und nahm sich Hanna vor.
Es war eine kurze Rangelei, die schlagartig beendet wurde, als Lilian kaum später Hannas Messer in den Händen hielt. Sie zog das zweite Messer und richtete beide auf Hanna.
Emil starrte sie an.. Wie war das möglich? Sie war doch gerade noch komplett entkräftet gewesen. Jetzt stand sie hier. Doch sie schwankte leicht und ihr Atem ging merklich schwer. „Reicht dir das nicht Hanna?“
Diese presste die Lippen aufeinander. Hass loderte in ihren Augen auf. „Ich kann euch auch einfach beide töten“, flüsterte sie. In Emil zog sich alles zusammen. Hanna hob beide Hände und murmelte fremde Worte.
Noch passierte nichts, doch Emil wusste, dass das sie Magie wirkte. Er musste weg. Bloß weg von ihr. Doch seine Beine funktionierten nicht, wie er es wollte.
Dann spürte er es. Es wurde kalt. Eiskalt. Unsichtbare Hände griffen nach ihm und drohten ihn zu Boden zu reißen. Die Schmerzen in seiner Schulter wurden wieder schlimmer.
„Tu das nicht!“, rief Lilian und schob sich mit ausgestreckten Armen schützend vor ihn. „Es gibt einen anderen Weg!“
„Das ist mir egal! Ich will das es aufhört!“ Hannas Stimme klang merkwürdig verzerrt. Als sie aufsah, schimmerten Tränen in ihren Augenwinkeln.
Die unsichtbaren Hände zogen Emil auf die Knie und hielten ihn gefangen. Seine Ohren rauschten in einer unerträglich hohen Frequenz. Sein ganzer Körper gehorchte ihm nicht mehr. Eine erdrückende Schwere drückte ihn langsam aber sicher nach unten, während der Boden unter ihm nachgab.
„Stirb endlich verdammt!“, schrie Hanna.
Es raubte Emil augenblicklich den Atem. Japsend rang er nach Luft, doch bekam keine. Sein ganzer Oberkörper wurde schmerzhaft zusammen gepresst. Die einkalten Hände waren überall.
Das war‘s. Da war er sich sicher.
Doch dann kam die Wärme wieder. Lilian schlang ihre Arme schützend um ihn. Emil konnte Hanna nicht mehr sehen. Dann kam schlagartig die Realität zurück.
Lilian fiel nach vorne und das Gewicht ihres Körpers ließ ihn rückwärts auf den Boden fallen. Alles in Emils Kopf drehte sich. Er schnappte zweimal unwillkürlich nach Luft. Er war noch am Leben, die Schwerkraft war normal und drückte ihn auf den Boden. Erst dann begriff er, dass Lilian regungslos auf ihm lag.
Panisch tastete er nach ihrem Hals, Noch in der Bewegung spürte er das warme Gefühl, dass durch seine Finger floss. Seine Schmerzen waren weg. Auch die Angst um Lilian war wie weggeblasen. Da war nur noch das zufriedene Gefühl. Statt zu ihren Hals fuhr seine Hand über ihre Wange.
Er war wie benebelt und das Gefühl kannte er bereits. Das waren ihre Kräfte. Zufrieden lächelnd sah er in ihr Gesicht. Sie konnte nicht tot sein. Wie schlafend lag sie da, während ihre Kräfte ihm befahlen, das einzig richtige zu tun. Er schloss die Augen. Seine Lippen legten sich auf ihre und er öffnete leicht den Mund.
Augenblicklich erschlafften seine Arme und Beine. Sein Magen begann sich zu drehen und er hatte das Gefühl etwas hochwürgen zu wollen. Hitzewellen durchzogen ihn, während sein ganzer Körper unkontrolliert zitterte.
In seiner Trance war er kaum noch in der Lage einen klaren Gedanken zu fassen. Doch er war sich vollkommen bewusst, dass sein Körper dagegen rebellierte. Jedoch es war ihm jedoch egal. Während jegliche Kraft aus seinem Körper wich, war er in einem Zustand vollständiger Glückseligkeit.
Mit einem Mal brach der Kontakt zu Lilians Lippen ab. Hände packten ihn unter den Schultern und zogen ihn unsanft über den Boden weg von ihr. Sein Atem ging schwer und das warme Gefühl schwand langsam, während der Schmerz und die Übelkeit stärker wurden.
Als er die Augen öffnete, lag er auf dem Rücken. Der Raum um ihn herum drehte sich. Seine Schulter schmerzte unerträglich und seine Haut glühte.
„Bist du verrückt?“, fuhr Cornelius ihn an. Er hatte immer noch das Äußere des Vampirs, was in Emils Kopf nicht zusammen passen wollte. Erst jetzt nahm er flackernd wieder seine normale Gestalt an.
Er wollte ihm antworten, doch so genau, konnte er sich selbst noch nicht erklären, was passiert war. Alles in ihm zog sich immer wieder zusammen und er glaubte sich gleich übergeben zu müssen.
Cornelius ließ einen Stapel Bolzen scheppernd vor sich auf den Boden fallen und drückte dann seine Hand auf Emils Schulter, um die Blutung zu stoppen.
„Das hätte dich umbringen können!“
Hinter ihnen ertönte ein Husten. Cornelius fuhr herum. Lilian hatte sich aufgerichtet, und stemmte sich unsicher auf ihre Hände. Als sie sich aufgsetzte hatte, strich sie sich mehrmals übers Gesicht, bevor sie entsetzt Emil erblickte und einen Meter zurück rutschte.
„Sag nicht, ich habe - „ Dann blickte sie sich hektisch um. „Was ist mit Hanna?“
Hektisch fuhr Lilians Blick herum und blieb an Hanna hängen, die dort lag, wo sie vorher noch gestanden hatte. Sie lag mit dem Gesicht zuerst und rührte sich nicht mehr. Lilian sprang auf und mit schenllen Schritten war sie bei ihr. Hastig ließ sie sich neben ihr auf die Knie sinken und tastest ihren Körper ab. Ihre Bewegungen wurden immer langsamer, bis sich schließlich ruhten.
Lilians Schultern fielen ein, ihre Arme sanken neben ihrem Körper zu Boden. Ein plötzliches Schluchzen zog durch den Raum und Lilian versuchte das nächste zu unterdrücken. „Hanna ist tot“, erklärte sie mit brüchiger Stimme. „Sie ist einfach tot.“
Schlagartig wich jegliches Gefühl aus Emil. Das war nicht real. Das konnte nicht real sein. Allein beim Anblick von Hannas totem Körper, zog sich alles in ihm zusammen. Sie lag einfach nur da und bewegte sich nicht mehr. War das alles? War sie einfach tot?
Ein Klicken und ein Surren durchschnitt die Luft. Bevor Emil überhaupt verstand, was passierte, sprang Lilian auf und hielt den Bolzen in den Händen. Ihre Augen waren voller Tränen, doch ihre Züge versteiften sich nun vor Wut. Der Bolzen brach, als sie die Finger zusammenpresste.
Als Emil den Kopf wand, ahnte er bereits, was sich hinter ihm befand. Hinter ihnen stand der Junge mit gezogener Armbrust. Scheinbar war das sein letzter Schuss gewesen, denn er zog keinen zweiten Bolzen.
Doch anstatt anzugreifen, verweilte Lilian starr. „Reicht dir nicht, was du angerichtet hast?!“, schrie sie und unterdrückte ein weiteres Schluchzen.
Mit wutentbrannter Miene ließ der Junge die Armbrust sinken, machte kehrt und stürmte aus der Halle. Lilian sah ihm nach, machte aber immer noch keine Anstalten ihn zu verfolgen.
Emil wollte aufspringen und zu ihr rennen, doch nicht nur seine verletzte Schulter hielt ihn zurück, sondern auch die Gewissheit, dass er das eventuell nicht überleben würde. Auch wenn es schmerzte, suche Emil Lilians Blick und sah in ihre traurigen, leeren Augen.
Die Tür sprang auf. „Keiner bewegt sich!“, schallte einen Stimme durch die Halle. Etwas in Emil atmete in diesem Moment auf. Das mussten die Seher sein. Sie waren endlich hier.
Keine Sekunde später strömten mehrere Männer und Frauen in den Raum. Sie hatten Ina im Schlepptau, die zwischen zwei Sehern stand und keinen Mucks von sich gab. Irgendetwas hatte sie mit ihr angestellt.
Die Seher schwärmten aus und durchforsteten den Raum, während zwei Männer auf ihn und Cornelius zukamen. Der eine beugte sich über Emil und betrachtete ihn mit leicht zusammengekniffenen Augen.
„Ein Mensch“, wandte er sich sichtlich überrascht an seinen Kollegen.
„Da werden wir einiges korrigieren müssen“, war die simple Antwort des zweiten Sehers, während dieser bereits Cornelius abführte.
Der Seher der neben Emil kniete rempelte sich bereits die Arme hoch. Panik überfiel Emil.
Nicht das! Alles nur nicht das!
Doch sein Körper war zu sehr geschwächt, als der er sich hätte wehren können. Der Mann legte die Hand auf Emils Stirn. Im Augenwinkel sah er, wie sich die anderen Seher Lilian und Cornelius, sowie Hannas toten Körper vornahmen.
Emil wollte nicht vergessen. Das hier durfte er nicht vergessen! Mit letzte Kraft schlug er die Hand des Sehers zur Seite. Sie durften ihm die Erinnerungen nicht löschen. Sein Blick verschwamm. Das durften sie nicht tun. Er durfte das alles nicht vergessen.
Die Hand des Sehers drückte sich auf sein Gesicht. Dann wurde alles schwarz.

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