Dienstag, 31. Januar 2017

Neue böse Wesen und so - Kapitel 15



Langsame Leitung

Das Mädchen erhob sich von der Stufe und wartete bis Ina und Emil nahe genug waren. Cornelius trug immer noch Shorts und ein schwarzes T-Shirt, das ihm nun, wo der die Gestalt eines Mädchens hatte, deutlich zu groß erschien.
„Wer ist das?“, fragte Cornelius.
„Wer ist sie?“, fragte Ina fast gleichzeitig.
Die beiden Mädchen starrten sich an. Wahrscheinlich hatte Cornelius Angst, Ina dürfte nicht vom Übernatürlichen erfahren und Ina war wahrscheinlich einfach nur so misstrauisch, weil sie es konnte.
„Das ist Cornelius“ Emil zeigte auf Cornelius und danach auf Ina. „Und das ist Ina. Sie weiß von dem ganzen Seherzuegs und ich bin sie einfach nur nicht losgeworden.“
„Hey!“ Ina boxte Emil leicht in den Arm. „Du kannst froh sein, dass ich -“ Sie unterbrach sich selbst. „Cornelius? Emil, ich weiß, dass du damit Probleme hast. Aber das ist eindeutig ein Mädchen.“
„Gestaltwandler“, korrigierte Cornelius sie und Ina klappte erst der Mund auf, dann lief sie rosa an.
„Was machst du hier?“, fragte Emil. Er war froh, dass es Cornelius gut ging. Doch Unruhe machte sich in ihm breit. Warum war er hier? Was war mit Martins‘ Familie?
Emil sah an Cornelius vorbei durch das kleine Küchenfenster des Hauses. Innen war es dunkel und nichts regte sich.
„Einerseits hatte ich gehofft, dass ich hier irgendwen von Martins Familie antreffe, andererseits hatte ich damit gerechnet, dass du früher oder später herkommst. Aber es scheint niemand da zu sein.“
„Niemand?“ Emil schob sich an Cornelius vorbei und drückte auf die Klingel. Das war mehr als komisch. Isabell musste doch eigentlich da sein. Er drehte sich um zur Einfahrt. Dort stand kein Auto. Wahrscheinlich hatte Cornelius Recht, doch Emil hatte gelernt misstrauisch zu sein. Auch wenn Cornelius ihm da wirklich aus der Patsche geholfen hatte. Ohne ihn würde er immer noch in seinem Haus festsitzen. Doch wie war er eigentlich dem Seher entkommen?
„Wie bist du eigentlich dem Seher entkommen?“


„Ich bin gerade weit genug weggekommen, dass ich meine Gestalt ändern konnte. Er hat nicht damit gerechnet und so konnte ich flüchten, bevor er es gemerkt hätte. Er war ja hinter dir her, und nicht hinter mir. Dich hat er zum Glück nicht gefunden. Aber irgendwann wird er sicher auch auf die Idee kommen, hier vorbei zu schauen, deshalb sollten wir irgendwo anders hin.“
Emil klopfte gegen die Haustüre. Das konnte doch nicht wahr sein. Er glaubte Cornelius, doch es wurmte ihn genauso.
„Wohin denn? Ich habe keine Ahnung, wie ich ihr helfen kann!“
„Wem?“ Cornelius sah ihn verwirrt an. „Ina?“
„Nein, Lilian.“ Erst jetzt dämmerte Emil, dass Cornelius nicht wissen konnte, was passiert war.
„Was ist mit Lilian?“
Emil bekam es nicht über die Lippen. Allein der konkrete Gedanke daran machte ihn verrückt. Deshalb sprach Ina es aus:
„Die Nekromantin hat scheinbar Lilian entführt und will Emil damit zu sich locken.“ Sie hielt Cornelius ihr Handy mit den Nachrichten hin. Dieser nahm das Handy und scrollte ungläubig durch die Nachrichten. „Warum sind die auf Inas Handy?“
Emil seufzte merklich. „Ich habe kein Handy dabei und Inas war in der Nähe.“
„Das kann nur eine Falle sein.“
„Das weiß ich doch! Aber wir können auch nicht untätig bleiben.“
„Ich verstehe das nicht.“ Cornelius schüttelte den Kopf und gab Ina das Handy zurück. „Wofür das alles?“
„Wenn ich das wüsste, dann wäre alles einfacher. Du kennst Lilian doch. Gibt es einen Grund, warum man sie entführen würde? Besonders, wie könnte man sie entführen?“
Für einen Moment überlegte Cornelius, dann sagte er langsam: „Lilian ist unvorsichitg, wenn sie jemanden kennt. Ein Grund fällt mir allerdings nicht ein. Sie war nie irgendwie auffällig, hatte nur kleinere Unfälle mit ihren Kräften, aber nichts größeres.“
„Dann könnte es doch wegen mir sein.“ Der Gedanke daran stach in Emils Brust. Wenn sie wegen ihm entführt worden war, machte es das ganze nur schlimmer. Er wollte nicht der Grund sein. Nicht schuld daran, dass sie in Gefahr war.
„Ich hab‘s doch gesagt! Dann wollen sie also doch deine -“ Doch Emil hielt Ina die Hand vor dem Mund, bevor sie mehr sagen konnte.
„Deine was?“ Cornelius runzelte die Stirn und sah zwischen den beiden hin und her.
„ Meine...“ Emil rang nach einer guten Antwort. „Ach weißt du, können wir das einfach überspringen? Ich kann dir das nicht sagen. Sagen wir einfach, es gibt Gründe, warum ich schonmal in Schwierigkeiten geraten bin und das könnte ein ähnlicher Grund sein.“
„Kann ich mit leben.“ Schulterzuckend setzte Cornelius dann aber eine grübelnde Miene auf. „Wir sollten lieber überlegen, was wir tun können. Ich sehe das ähnlich wie du. Das ist hunderprozentig eine Falle. Doch an die Seher können wir uns nicht wenden. Keine Ahnung, ob die nicht alle an einem Strang ziehen und wer uns glauben würde.“
„Wir müssen das also selbst erledigen.“
Ina wedelte mit ihrem Handy herum. „Vielleicht sollten wir erst einmal herausfinden, wo Lilian ist. Ich spreche kein Koordinatisch.“
Da musste Emil Ina recht geben – auch wen Koordinatisch kein Wort war. Allein mit den Kooridinaten konnten sie nichts anfangen. „Hast du Internet auf dem Handy?“
„Leider nicht. Wir könnten aber in die Stadtbibliothek gehen. Da gibt‘s ne halbe Stunde kostenlos.“
„Na dann los!“ Cornelius wandte sich zum Gehen. „Wir haben schon genug Zeit verplempert. Die Seher werden nicht tatenlos bleiben. Wir sollten rasch unter Leute, damit sie uns nicht finden.“

In der Stadtbibliothek waren alle Rechner bis auf einer belegt, sodass die drei sich darum quetschen mussten. Emil durfte hatte sich den Stuhl gesichert, während Ina und Cornelius sich hinter ihm drängten, um mit auf den winzigen Monitor schauen zu können, der noch aus dem letzten Jahrhundert zu sein schien.
Es dauerte fast zwei Minuten, bis sich der Browser mit der Suchmaschine geöffnet hatte. Zu lange, sodass Emil schon wieder die Zeit fand, sich Gedanken zu machen.
Er versuchte die einzelnen Puzzelstücke zusammen zu setzen und Erklärungen zu finden für alles, was gerade passierte. Auch, wenn er Cornelius mittlerweile alles erzählt hatte, konnte auch dieser sich darauf keinen Reim machen.
Emil hielt es mittlerweile für realistisch, dass der Schritt Lilian zu entführen dazu diente, ihn dazu zubringen, etwas Dummes zu tun. Den Gefallen würde er ihnen nicht tun.
Wenn er handelte, dann nur mit einem wirklich guten Plan. Immerhin hatte er noch Ina und Cornelius, die ihm helfen konnte. Vielleicht konnten sie einen Weg finden, sogar den Seher hinters Licht zu führen. Wusste der, was sie gerade taten? Wusste er dann auch, was sie sagten? Konnten sie sich überhaupt einen Plan ausdenken, der dem Seher verborgen bleiben würde?
Den einen Seher hatte Cornelius austricksen können. Dann würde es vielleicht auch ein zweites Mal funktionieren. Das musste es.
Das Fenster hatte endlich geladen und Emil tippte hastig die Zahlen von Inas Handy in das Suchfeld ab und drückte auf Enter. Der Bildschirm wurde weiß und in der einen Ecke lief ein kleiner Ladebalken.
Emil seufzte laut auf. Was hatte er erwartet? Dass der Rechner mit einem Mal zehnfach an Geschwindigkeit dazu gewonnen hatte? Entnervt starrte er den Bildschirm an, als jemand einen Namen rief und Cornelius darauf zu reagieren schien, indem er sich aufrichtete.
Emil wandte sich hastig um und blickte umher. Hatte sie jemand beobachtet? War da jemand? Dann erkannte Emil den jungen Mann, der auf sie zu kam. Er war vielleicht Anfang zwanzig, hatte braunes, wuscheliges Haar, strahlte über das ganze Gesicht und winkte zu ihnen hinüber. Emil hatte ihn noch nie gesehen. Das machte ihn noch misstrauischer.
Kurz bevor der junge Mann vor ihnen stehen blieb, fragte er erstaunt: „Cornelia?“ Er starrte Cornelius wie eine Erscheinung an. „Wir haben uns ja ewig nicht mehr gesehen.“
Emil brauchte etwas, um zu verstehen, dass der Mann scheinbar nur die Cornelia kannte, das Mädchen, das so neben ihm stand.
Cornelius schien jedoch genauso verwirrt und erwiderte nur zögernd. „Eh. Ja.“
„Du erinnerst dich noch an mich?“
„Natürlich. Micha. Es ist lange her.“ Cornelius packte sich an den Kopf. Er schien nervös zu sein. Wer war der Typ, dass er ihn nervös machte? War er ein Seher?
„Ja, wirklich lange. Ich dachte schon, du hättest mich vergessen.“ Micha schien sichtlich erleichtert. „Was machst du jetzt so? Wie geht’s dir?“
Ina stach Emil schmerzhaft ihren Ellbogen in die Schulter, nur um sich ohnehin zu ihm hinter zu beugen und zu flüstern:
„Meinst du, die beiden hatten mal was?“
Emil zuckte nur die Schultern. Meinte Ina, dass die beiden mal zusammen gewesen waren? Woher sollte er das wissen? Wäre auf jeden Fall besser für sie, als wenn er etwas mit den Sehern oder sonst wem zu tun hatte, die nicht wissen durften, was sie hier gerade machte.
Cornelius fasste sich wieder und nahm bestimmt die Hand von seinem Kopf weg. „Ich studiere jetzt.“ Doch ein Lächeln huschte über sein Gesicht.
Scheinbar erst jetzt bemerkte Micha Emil und Ina, obwohl sie direkt neben ihm standen oder saßen. Er fixierte Emil mit seinem Blick, dann fragte er an Cornelius gewandt:
„Ist das dein Freund?“
„Wer?“ Mit fragendem Blick drehte Cornelius sich um, sah Emil und als er ihm in die Augen saß, wurde Emil erst schlagartig klar, was Micha damit implizieren wollte. Vielleicht hatte Ina doch nicht so falsch gelegen.
„Nein“, erwiderte Cornelius bestimmt, lief aber rot an. „Das sind Freunde von mir. Emil und Ina.“
„Achso. Hallo.“ Micha hob die Hand, um die Beiden zu Grüßen, dann hatte er wieder nur Augen für Cornelius. „Wenn das so ist… hättest du Lust irgendwann mal wieder was zu machen? Wir könnten ins Kino gehen. Wie früher.“
Ina hüstelte leise. „Ich hab's doch gesagt.“
„Ja, warum nicht?“ Cornelius schob die Hände in die Hosentaschen.
„Gibst du mir deine Nummer? Dann können wir was verabreden.“
„Gerne. Gib mir dein Handy.“ Cornelius nahm Michas Handy und tippte seine Nummer ein. Er schien jetzt deutlich ruhiger, als im ersten Moment. Wahrscheinlich hatte Micha ihn einfach im ersten Moment überrumpelt. Die beiden hatten sich scheinbar lange nicht mehr gesehen.
Als Cornelius fertig war, steckte Micha das Handy wieder ein. „Danke. Ich muss leider los. Hab‘s eilig. Aber ich melde mich heute Abend, Cornelia. Versprochen.“ Dann wandte er sich an Emil und Ina. „Viel Erfolg bei dem, was ihr sucht.“
„Danke dir auch“, erwiderte Ina freudig.
„Bis dann“, sagte Cornelius noch. Denn so schnell wie Micha gekommen war, war er auch wieder verschwunden.
Als wäre nichts gewesen, wandte sich Cornelius wieder zum Rechner um und fixierte den Bildschirm. Dieser hatte zumindest die Suchergebnisse geladen, Emil klickte das erste an und es lud wieder. Ewig.
Dann lehnte Ina sich zu Cornelius hinüber:
„Sag mal, ward ihr mal zusammen?“
„So etwas in der Art“, war Cornelius‘ simple Antwort.
„Weiß er, dass du ein Junge bist?“
Cornelius wich deutlich ihrem Blick aus. „Nein.“
Ina quietschte so plötzlich und laut auf, dass es in Emils Ohren schmerzte und die Leute schon guckten. „Das ist so romantisch!“
„Nicht wirklich“, entgegnete Cornelius.
„Natürlich!“ Ina versuchte ihre Stimme zu dämpfen, doch diese erreichte immer wieder eine unangenehme Tonlage. „Eine alte Liebe, die ihn nie losgelassen hat. Er hat sie immer wieder gesucht, doch er konnte sie nicht finden, weil es Cornelia in Wirklichkeit nicht gibt. Und dann steht sie wieder vor ihm. Nach all den Jahren und er ist wieder so verliebt wie am ersten Tag. Doch das hübsche Mädchen hat ein Geheimnis. Sie ist ein Junge, doch er wird darüber hinweg sehen, denn er liebt sie so wie sie ist.“
„Das mit mir und Micha ist vorbei.“ Cornelius‘ Gesicht war hochrot angelaufen. „Wir haben uns getrennt und wenn wir uns nochmal treffen, dann als Freunde.“
„Entschuldige.“ Ina hob schnell die Hände vor sich und lachte gekünstelt. „Die Phantasie ist mal wieder mit mir durchgegangen.“
„Du solltest weniger Fanfictions lesen“, schlug Emil vor.
„Lesen?“, fragte Ina erstaunt. „Und was ist mit Schreiben?“
„Schreiben auch.“
„Er hat geladen!“, sagte Cornelius plötzlich und Emil drehte sich hastig um. Tatsächlich zeigte der Bildschirm nun endlich ein Satellitenaufnahme mit einer Markierung auf einem größeren Haus, vielleicht einer Lagerhalle.
„Ich weiß, wo das ist!“, rief Ina aus. „Das ist ganz in der Nähe, wo ich mal gewohnt habe!“
Emil war froh, dass er den Rechner nicht bemühen musste noch rauszuzoomen. Doch das ungute Kribbeln in seinem Bauch machte es nur schlimmer. Das war zu klischeehaft, das konnte nur eine Falle sein.
„Worauf warten wir noch?“ Ina hibbelte von einem Bein auf das andere.
Wie gebannt starrte Emil den Bildschirm an. Er schluckte. Da hielten sie also Lilian gefangen?
Das war alles so irreal, mehr wie in einem Film, als in der Realität.
Er hatte sich immer gefragt, warum die Leute in Filmen immer so dumme Dinge taten und in die offensichtlichsten Fallen hinein liefen, wenn sie genau wussten, dass ihnen nichts gutes erwartete. Doch jetzt spürte diesen Drang, sofort dahin zu gehen und nicht länger die Beine still zu halten. Aber wie sollte er das anstellen? Was konnte er schon tun? Er hatte keine magischen Fähigkeiten mit denen er irgendetwas bewirken konnte. Er wäre dem Nekromanten komplett ausgeliefert, sobald er dort ankam. Wie sollte er schon Lilian befreien können.
„Ich kann euch helfen“, sagte Cornelius plötzlich. „Wenn sie Emil wollen, dann habe ich eine Idee.“
„Nein!“ Emil wandte sich zu Cornelius um. „Du hast schon genug für mich getan! Ich muss das alleine schaffen.“
„Wie willst du das denn alleine schaffen?“
„Ich finde schon eine Möglichkeit.“
„Lilian ist auch meine Freundin.“ Cornelius stockte, als bemerkte, wie er das gesagt hatte. „Also, du weißt schon. Gute Freundin und ich bin ihr genauso etwas schuldig wie du. Also lass uns das zusammen machen.“
Das gab Emil etwas Hoffnung. „Okay, was ist dein Plan?“
„Sage ich dir draußen. Lass uns los.“
„Hey! Vergesst mich nicht!“ Ina stemmte die Arme in die Seiten. „Ihr wisst doch überhaupt nicht, wo das ist.“
„Dann führ‘ uns dahin“, sagte Cornelius und Ina tänzelte zufrieden los. Dann fragte er, als Ina aus der Hörreichweite war. „Ist sie immer so?“
„Ja, leider schon. Für sie ist das alles nur ein großes Abenteuer.“
„Dann sollten wir sie da nicht mit rein ziehen.“

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