Mittwoch, 29. Juni 2016

Neue böse Wesen und so - Kapitel 14





Eine große Hilfe

Gib Emil das Handy.
Der Text stand auf den Display so deutlich, als wäre er in Stein gemeißelt. Im ersten Moment dachte Emil, es sei ein Trick, als plötzlich das Handy erneut „plopte“ und ein weiterer Text darunter erschien.
Ich habe deine Freundin
Ina beugte sich nach vorne über das Handy. „Welche Freundin? Das muss ein Fehler sein. Ich bin doch hier!“
Lilian, stellte das Handy klar. Das Teil hat die Nachricht zu früh abgeschickt!
Immer noch starrte Emil das Handy an. Das konnte nur ein blöder Trick sein. Lilian war niemand der sich entführen ließ. Außerdem war es unmöglich, dass jemand wissen konnte, dass Emil gerade hier war. Außer-
„Ein Seher“, murmelte Emil.
„So wie Martin einer ist?“
„Aber warum behauptet er Lilian zu haben?“ Noch bevor Emil die Frage ausgesprochen hatte, formte sich die Antwort in seinem Kopf. „Der Nekromant ist ein Seher.“


„Welcher Nekromant?“ Inas Augen wurden größer, als würde sie gleich platzen. „Warum habt ihr mir nichts davon gesagt?“
Emil ging überhaupt nicht auf ihre Frage ein und versuchte fieberhaft die Gedanken in seinem Kopf zu ordnen. Martin hatte gesagt, dass der Nekromant ein Normalsterblicher sein musste. Wozu brauchte ein Seher Nekromantische Kräfte? Warum hatte er Lilian entführt? Das passte alles nicht zusammen.
„Wer ist ein Nekromant?“, flüsterte Ina ganz nah an seinem Ohr. Emil zuckte vor Schreck zusammen und sah sie an.
Sie waren immer noch in diesem Bus. Der Seher wusste, wo er war. Das heißt, er musste in der Nähe sein. War er ebenfalls hier. Auf jeden Fall ging es darum, möglichst schnell zu verschwinden.
Emil drückte Ina ihr Handy wieder in die Hand und stand so abruppt auf, dass Ina zurück stloperte. „Ich muss die Nächste raus!“
„Wohin willst du denn? Was hat das alles zu bedeuten? Es hat doch nicht wirklich jemand… Nein. Oder?“
Der Bus bremste langsam und kam zum stehen, während eine aufgeregte Ina um ihn herum wuselte. Emil zeigte sich davon wenig beeindruckt und wartete neben der Tür, dass der Bus hielt. In seinem Kopf suchte er verzweifelt nach einer Antwort auf all das hier.
Er kannte nicht genug Seher, um zu wissen, wer der Nekromant war. Aber er hatte es doch auf ihn abgesehen. Nicht auf Lilian. Warum entführte er also sie und nicht ihn?
Weil er unter dem Schutz der Seher stand. An ihn kamen sie nicht heran. Also war Lilian das nächste Ziel. Sie wollten, dass er dadurch zu ihnen kam und ihnen dadurch in die Falle ging. So etwas banales.
Der Bus kam zum stehen. Doch gleichzeitig wusste er, keine andere Lösung, wie er Lilian helfen konnte. Die Türen öffneten sich.
„Wir sehen uns.“ Ohne ein weiteres Wort eilte er auf der Tür hinaus. Er wusste nicht, wo er war. Aber er musste hier weg.
„Warte!“, rief Ina und stolperte hinter ihm hinaus.
Mit einer raschen Bewegung wandte Emil sich um. Warum mischte sie sich wieder ein? So würde er nie eine Lösung finden. „Halt dich daraus!“
Ina zuckte augenblicklich zusammen und erstarrte in ihrer Bewegung. Der Bus fuhr davon.
Emil atmete tief durch. Es war nicht fair so gemein zu ihr zu sein, doch Ina war gerade einfach keine Hilfe. Ihr zu erklären, worum es ging, würde mehr Zeit brauchen, als er hatte. Zudem war Ina meist die erste die lachend in eine Kreissäge rannte, wenn es um mysteriöse Typen ging.
„Ich glaube einfach nicht, dass du eine große Hilfe sein kannst“, erklärte Emil ihr mit ruhiger Stimme.
Inas Handy plingte erneut. Sie zog es sofort raus und sah den Bildschirm stirnrunzelnd an.
„Da sind nur so komische Zahlen drauf.“
„Was?“ Sofort beugte sich Emil zu ihr hinüber und sah die Zahlenfolge auf dem Display. Die SMS war von dem gleichen Absender wie zuvor. „Das sind Koordinaten.“
„Ha! So viel zu keine Hilfe sein. Du brauchst mich. Ich habe das Handy!“
Emil schluckte. Hatte er also Recht gehabt. Der Nekromant spielte ihm die Koordinaten zu, damit er dahin kam. Er hatte es wirklich auf ihn abgesehen. Aber warum zog er Ina da mit rein?
„Wolltest du nicht zur Tanzschule?“, fragte Emil.
„Das ist jetzt egal!“ Ina wedelte mit den Händen vor Emils Gesicht herum. „Wenn sie wirklich Lilian entführt haben, dann müssen wir etwas tun.“
„Das ist nicht wie beim letzten Mal, Ina! Das hier ist ernst!“
„Warum? Was ist denn los?“ Inas Gesicht hatte einen Ausdruck angenommen, den er bei ihr so noch nie gesehen hatte. Sie schien wirklich besorgt. Hatte sie wirklich keine Ahnung was hier vor sich ging? Wenn der Neromant ein Seher war, hatte er vielleicht dafür gesorgt, dass Ina verschont blieb, damit sie jetzt hier sein konnte und ihm die Informationen zuspielte, die er brauchte?
„Hattest du in letzter Zeit besuchen von Sehern?“
„Nein. Wieso sollte ich?“
„Denk genau nach! War da irgendwas?“ Emil packte Ina bei den Schultern. „Komische Typen, die merkwürdige Fragen stellen?“
„Außer dir?“, feigste Ina. „Nicht das ich wüsste.“
„Vielleicht hast du es nur wieder vergessen.“
„Ich bin nicht blöd!“
„Wäre nicht das erste Mal, dass du dein Gedächtnis verlierst.“
„Jetzt wo du‘s sagst...“ Ina schien wirklich fieberhaft nachzudenken. „Nein. Immer noch nichts.“
Wie gerne hätte Emil in Inas Kopf schauen können, um herauszubekommen, ob da ein Funken der Erinnerung drin war, der ihm weiterhelfen konnte. Er ließ die Hände sinken.
„Martin hat geglaubt, dass du der Nekromant bist.“
Ina blinzelte ihn einige Sekunden, dann legte sie die Stirn in Falten. „Ich? Was hab ich denn damit zu tun?“
„Wir hatten eine Vorhersage, dass der Nekromant ein normalsterbliches Mädchen in unserem Alter ist. Aber derjenige, der Lilian hat ist ein Seher und er weiß genau, wo ich bin.“
„Vielleicht hat beides überhaupt nichts miteinander zu tun.“
„Wie?“
„Der Seher könnte nicht der Nekromant sein.“ Ina tippte sich gegen die Nasenspitze. „Was wollen die überhaupt von dir?“
So dumm war Inas Idee nicht. Das würde aber immer noch bedeuten, dass der Nekromant mit einem Seher zusammenarbeitete und das beruhigte ihn keineswegs.
„Der Nekromant will mich wahrscheinlich umbringen. Beim Seher weiß ich es niht.“
„Nekromantin“, korrigierte Ina ihn. „Warum sollte dich jemand umbringen wollen?“
„Wenn ich das wüsste, wäre ich einen Schritt weiter, als jetzt.“
„Vielleicht will jemand deine Quelle?“
„Hatten wir auch schon vermutet. Aber dann würde er mich nicht versuchen umzubringen.“ Emil seufzte.
„Wenn er dich nur entführen möchte?“
„Aber warum entführen sie dann Lilian und nicht mich?“
Noch während Emil die Frage aussprach, wusste er schlagartig die Antwort. Weil sie an ihn nicht herankamen. Er hatte rund um die Uhr unter dem Schutz der Seher gestanden. Dass er geflohen war, spielte ihnen direkt in die Hände und jetzt sollte er aus eigenen Stücken in die Falle gehen.
„Gefangenenaustusch“, sagte Ina.
Wie konnten sie überhaupt an Lilian kommen? Sie war niemand den man einfach überwältigt. Letztens hatte sie ihm noch erzählt, dass sie mit einem Vampir gekämpft hat. Vielleicht blufften sie? Aber warum war Lilian dann nicht erreichbar?
Wie als Antwort ertönte erneut Inas SMS-Ton. Sie gab es diesmal Emil direkt in die Hand. Als er die SMS öffnete, stellte er erschrocken fest, dass es ein Bild von Lilian war. Sie schien aber unversehrt, mit geschlossenene Augen, als würde sie schlafen.
Sie lebt noch.
War die SMS die direkt danach kam. Es war wie in einem schlechten Film.
Das alles ergab einfach keinen Sinn. Emil wusste nur eins, wer immer ihm schrieb, lockte ihn in eine Falle und momentan fiel ihm auch nichts besseres ein, als gerade wegs hineinzulaufen, um herauszufinden, was hier vor sich ging. Er konnte niemandem trauen. Alle seine Verbindungen zur magischen Welt waren gekappt worden. Er war auf sich gestellt.
„Vielleicht kann Martin uns helfen“, schlug Ina vor.
Emil ließ das Handy sinken. Jegliches Gefühl wich langsam aus seinem Körper. „Kann er nicht. Sie haben ihn angeblich heute morgen festgenommen.“
„Woher weißt du das?“
Unweigerlich musste er wieder an Cornelius denken. Ob es ihm gut ging? Er hatte alles riskiert, um Emil da raus zuholen und Emil konnte rein gar nichts mit dieser Freiheit anfangen. Nichts passte zusammen. Er hatte doch keine Ahnung, was vor sich ging. Ina schien nichts damit zu tun zu haben, bei Martin hoffte er das und weiter hatte er keinerlei Spur, der er folgen konnte. Sie hatten wirklich Lilian und er konnte nichts tun, um ihr zu helfen.
„Verdammt!“
Das kam lauter heraus, als er gedacht hatte. Ina zuckte merklich zusammen.
„Was ist?“, fragte sie verwirrt.
„Ich habe keine Ahnung, wo ich anfangen soll nach einer Lösung zu suchen.“
„Was ist mit Martins Familie? Sonia oder seine Eltern? Sind seine Eltern nicht auch Seher?“
Wie hatte er darauf nicht kommen können? Das waren Punkte an denen er ansetzten konnte. Martins Vater musste irgendwas wissen und wenn nicht er, wenigstens Isabell oder seine Mutter. Er musste zu Martin nach Hause. Selbst wenn er immer noch unter der Beobachtung des Sehers stand. Wenn er ihm bis jetzt nicht entkommen war, dann würde er das jetzt auch nicht mehr schaffen. Er musste nur schnell Entscheidungen treffen und diese umsetzten, damit der Seher hoffentlich nicht hinterherkam.
„Wann fährt der nächste Bus?“
Ina wandte den Kopf und deute auf den Bus, der in der entgegengesetzten Richtung in einige entfernung an der Ampel stand. „In etwa einer Minute.“
So viele Zufälle konnte es doch überhaupt nicht geben. Spielte der Seher ihm direkt in die Hände? Kaum hatte sie das gesagt, war Emils Blick hastig nach links und rechts gewandert, um sicher zu gehen, dass kein Auto kam. Dann rannte er einfach über die Straße zur anderen Bushaltestelle. Ina rannte hinter.
„Warte! Wo willst du hin?“
Es war egal, ob es wieder nur ein Zufall oder genau geplant war. Es war der einzige Weg, der Emil gerade einfiel.
Ina schaffte es gerade noch vor dem Bus über die Straße, als dieser bereits quietschend vor ihnen hielt.
„Ohne mich gehst du nirgendwohin!“ Ina schnappte nach Luft und packte Emils T-Shirtärmel. Der kurze Sprint hatte ihr sichtlich zugesetzt.
„Das ist wirklich gefährlich. Das geht nur mich was an.“
„Wer hat denn hier die guten Ideen gehabt?“
Die mittleren Türen des Busses öffneten sich vor ihnen. Emil trat einen Schritt hinein und Ina folgte, immer noch sein T-Shirt fest umklammernd und schwer atmend.
„Sieh‘s ein. Du brauchst mich!“
Warum war sie nur so verdamt hartnäckig? Lilian wurde entführt, irgendjemand wollte ihn umbringen und sie tat immer noch so, als wäre das ganze ein lustiger Wochenendausflug.
Das ungute Gefühl beobachtet zu werden ergriff ihn. Hastig sah er sich zu beiden Seiten um. Im vorderen Teil des Busses saßen zwei Rentnerinnen, die in ein Gespräch vertieft waren. Dahinter ein Vater mit Kinderwagen und Tochter. Im hinteren Teil des Busses saßen drei jüngere Leute, zwei mit Musik in den Ohren und eine mit Buch und ein Rentner mit Gehstock. Nichts ungewöhnliches.
„Also ist das okay für dich?“ Ina sah in mit großen Augen an. Die Türen schlossen sich hinter ihr.
Auch wenn er unweigerlich das Gefühl hatte, sie gerade in etwas reinzuziehen, was gefährlich für sie werden könnte, so wusste er auch, dass er sie nicht davon abhalten konnte. Es war nicht seine Schuld, wenn ihr etwas passierte. Zumindest versuchte er sich das einzureden.
„Du hörst ja nicht auf mich“, zischte er ihr zu.
Inas Gesicht hellte sich schlagartig auf. Sie grinste über das ganze Gesicht und hätte bestimmt freudensprünge durch den Bus gemacht. Sie verstand wirklich nicht, worum es hier ging. Wie auch? Sogar für Emil schien das ganze so unwirklich zu sein. Er konnte kaum glauben, dass er gerade eben noch in seinem eigenen Haus eingesperrt gewesen war. Noch dass Martin wirklich verdächtigt wurde, der Nekromant zu sein. Für Ina war das immer noch das lustige Abenteuer. Aber was war mit den anderen? Mit Lilian? Mit Cornelius? Hoffentlich würde ihnen nichts passieren.
Ina ließ sein T-Shirt los und beugte sich flüsternd zu ihm. „Siehst du den Mann dahinten? Ich habe das Gefühl der starrt uns an.“
Emil sah auf. Sie meinte den Rentner, der in ihre Richtung grinste und den Daumen hob, als er Emils Blick bemerkte.
„Behalt das Mädchen“, sagte er und wandte sich dann wieder dem Fenster zu.
Emil wusste nicht wohin er das zuordnen sollte. Bis ihm auffiel, dass das auch nur ein dummer Zufall war. Der Typ dachte, dass er und Ina zusammen wären. Er wurde langsam wirklich paranoid. Emil ließ sch gegen das Fenster sinken und fuhr sich mit der Hand durch das Gesicht.
Irgendwo dumpf in seinem Kopf klangen immer noch die Fragen und Zweifel, die einfach nicht schweigen wollten. Er versuchte sie zu ignorieren. Er musste nach vorne schauen. Das hier war real und es war an ihm, alles zu geben, dass es nicht noch schlimmer wurde.
Aber was konnte er tun? Er hatte keine magischen Fähigkeiten, noch wusste er im entferntesten, was hier vor sich ging. Die einzige Option, die er momentan hatte, war direkt in die Falle zu laufen, von der er wusste, dass er da nicht mehr so einfach rauskommen würde. Bis jetzt hatte er alles glimpflich überstanden, weil Lilian dagewesen war und Martin ihn immer verteidigt hatte. Doch jetzt auf sich alleingestellt, wusste er nicht mehr, was passieren würde.
Er musste bei Martin zu Hause irgendwas herausfinden, irgendwas, dass ihm eine andere Möglichkeit gab, als sich sinnlos in Gefahr zu begeben. Irgendeine Spur, der er nachgehen konnte. Er wollte nicht so kopflos sein, wie er es jetzt war. Den Gefallen würde er denen nicht tun.
Eine Bushalte nach der anderen folgte, deren Namen Emil nur von der Hinfahrt kannte. Langsam sollte er sich Gedanken machen, wie er mit dem Bus zu Martin kam.
Dann tippte Ina ihm auf die Schulter. „Müssen wir nicht an der nächsten umsteigen?“
Emil drehte den Kopf und grummelte nur, weshalb Ina ihre Aussage wiederholte: „Wenn wir zu Martin wollen, sollten wir gleich in die 65 umsteigen.“
„Fährt die hier?“
„Klar. Wie wolltest du denn sonst fahren?“
Emil zuckte die Schultern. „Ich dachte, erst zurück in die Stadt und dann hätte ich geschaut, wo ich lang muss.“
„Was für ein Glück, dass du mich dabei hast. Sonst wärst du ja nie angekommen.“
Viellicht hatte Ina ausnahmsweise Recht. Sie war wirklich eine Hilfe. Was hätte er nur ohne sie gemacht? Ein leichtes Lächeln zog über Emils Gesicht, dass Ina triumpfierend zur Kenntnis nahm.

Der Umstieg verlief problemlos, doch als Emil an der Haltestelle in der Nähe von Martins Haus ausstieg, beschlich ihn ein unwohles Gefühl. War er gerade dabei einen Fehler zu machen?
Mit jedem Schritt wurde das Gefühl schlimmer und seine Beine weicher. Ina folgte ihm schweigend. Jetzt konnte er nicht mehr umkehren.
Auf den letzten Metern beschleunigte Ina ihren Schritt und blieb dann an der Ecke zu Martins Haus abrupt stehen.
„Da ist jemand vor dem Haus!“
Hastig stolperte Emil vorwärts, um an ihr vorbei zu sehen. Auf der Stufe vor dem Haus saß tatsächlich ein blondes Mädchen. Alles in Emil zog sich schlagartig zusammen. Die Nekromantin?
Doch als das Mädchen seinen Kopf hob, wusste Emil, dass es Cornelius war.
Was machte er hier? Wie war er dem Seher entkommen?
„Kennst du sie?“, fragte Ina, während Emil bereits auf dem Weg zur Haustür war.
Woher wusste Cornelius, dass Emil hierher kommen würde?

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