Dienstag, 15. Dezember 2015

Der lange Weg nach Unten


Diese Kurzgeschichte ist im Rahmen eines Zirkelprojektes entstanden. Die Aufgabe war es eine Szene zu einem Lieblingslied zu schreiben. Ich habe mich für "Long way down" von Robert DeLong entschieden. Einfach weil es einen sehr starken Beat hat und  eine kryptischen Text, der mir nicht zu viel Arbeit abnimmt. Und ich mag das Lied.
Das Lied findet ihr zum Beispiel hier.

Der lange Weg nach Unten

Es war das erste Mal seit drei Jahren, dass sich die Männer wiedersahen. Der Anblick des dunkelhaarigen Mannes in der Uniform der Rebellen, ließ ein Grinsen über Renars Gesicht ziehen. Renar zog noch einmal tief durch die Pfeife ein und schmeckte die Süße auf seiner Zunge. Dann legte er diese zur Seite und lehnte sich mit angespannten Muskeln in seinem Schreibtischstuhl zurück.
„Was willst du hier?“ Renar wusste, was es bedeutete, wenn Krest hier einfach reinmaschierte. Er musste diverse Sicherheitskontrollen überwunden haben und Renar war sich sicher, dass er dabei niemanden verschont hatte.
Die Tür fiel krachend hinter Krest ins Schloss. „Ich will reden.“


„Reden?“ Renar lachte trocken auf, langte wieder nach seiner Pfeife und zog dran. Dies ließ die Anspannung langsam von ihm abfallen. „Hast du eingesehen, dass du dich auf die falsche Seite gestellt hast?“
„Ich habe nicht vor den Gewinnern gekuscht und es mir einfach gemacht.“ Krest trat festen Schrittes auf Renar zu.
„Was hast du schon die letzten Jahre getrieben? Wie viele Menschenleben hast du auf deinem Gewissen?“
„Ich habe das Richtige getan.“ Krest war vor ihm stehen geblieben und sah nur noch stur gerade aus. Sein Gesicht war härter geworden in den Jahren und zeigte jetzt nicht mehr die Schwäche der Nächstenliebe, die ihn einst dazu gebracht hatte, sich gegen die neue Regierung nach dem Putsch zu stellen.
„Und ich habe rumgevögelt, während du die Welt gerettet hast.“ Aus Renars Mund klang dies wie ein Scherz. Über Krests Lippen huschte aber nur ein müdes Lächeln..
„Das ist wohl alles, was dir wichtig ist?“
„Ich hatte Träume. Ich habe Dinge aufgebaut. Du hast nur leere Worte geschwungen.“ Renar hob die Pfeife an und nahm einen tiefen Zug. „Ich habe das Gift eingesogen, während du die Welt gerettet hast. Vor nichts.“

Das Grinsen auf seinem Gesicht verzog sich zu einer Grimasse, als er bedächtig aufstand. „Am Ende läuft es doch nie, wie wir es erwartet haben.“
Krest wicht unmerklich zurück, verweilte aber dort wo er stand. Seine Augen verfolgten jeden von Renars Schritten, bevor dieser direkt vor ihm stand. Renar hob seine Hand und zog an der Pfeife und blies Krest den warmen Rauch ins Gesicht. Der süßliche Geruch drang jetzt noch intensiver in Krest Nase und ließ ihn vor Ekel erschaudern.
„Warum hältst du dich zurück?“
Krest presste die Lippen aufeinander, als der Rauch ein weiteres Mal über sein Gesicht zog. Er wusste, dass die betäubende Wirkung nicht sofort bei ihm einsetzten würde. Dafür sorgte das Gegenmittel, das er genommen hatte. Doch wenn er länger zögerte, würde es ihm nicht mehr helfen.
„Lass es auf dich wirken. Nicht die Luft anhalten.“
Als Renar einen weiteren Zug nehmen wollte, packte Krest sein Handgelenk.
„Wir waren mal Freunde.“
„Trotzdem bist du hier. Scheint als könnten wir nicht höher kommen auf dem langen Weg nach Unten.“
„So hätte es nicht kommen müssen.“ Krest lockerte seinen Griff. Renar hatte scheinbar nur darauf gewartet und zog ruckartig seinen Arm zurück, sodass Krest den Halt verlor. Als er nach vorne stolperte, stieß Renar ihm das Knie in den Magen und ließ ihn zu Boden gehen.
Der kalte Fliesenboden brannte auf Krests Wange. Als er einatmete, füllte der süßliche Rauch seine Lungen und jegliches Gefühl wich schleichend aus seinem Körper.
Renar beuget sich über ihn. „Du meinst, dass ein Schatten über meinen Entscheidungen hängt? In dir fließt bereits eine Welle aus Dunkelheit. So viel Blut, dass wegen dir vergossen wurde.“
Krest versuchte nicht mehr zu atmen. Die Zeit lief ihm davon. Sein Kopf wurde immer benebelter und sein Körper schwächer. Er musste jetzt handeln. Mit einer schnellen Bewegung bekam er Ranars Hemd zu fassen und riss ihn ebenfalls zu Boden. Selbst als Renars Kopf auf den Fliesen aufschlug, grinste er noch. Schwer atmend schob Krest sich vorwärts, um Renar mit seinem Körpergewicht auf dem Boden zu fixieren. Renar würgte, als Krest ihm den Unterarm in die Kehle drückte, doch seine Worte waren noch klar verständlich: „Mach nur weiter so. Friss dein heiliges Brot und betrink dich mit deinem Gegengift. Ich reserviere dir einen Platz da unten.“
Krests zitterte am ganzen Körper. Er kämpfte gegen dieses Zeug an, das ihm die Sinne vernebelte und gleichzeitig gegen sich selbst. Mit beiden Händen packte er Renars Hals.
„Am Ende -“ Renar presste die Worte nur mit Mühe hinaus. „gehen wir doch eh alle vor die Hunde.“
Schmerzhaft zogen sich Krests Finger zusammen. Mit jedem Atemzug floss mehr von seinem Bewusstsein aus ihm heraus, während Renars Worte sich in seinem Kopf wiederholten: Auf dem langen Weg nach Unten.
Das Einzige was Krest jetzt noch wusste, war, dass er Renar töten musste. Er drückte fester zu.
Renars Fäuste schlugen nach ihm, doch bei Krest verursachten sie nur noch einen dumpfen Schmerz. Dass Renars sich wehrte, bekam er überhaupt nicht mehr mit. Renar war der Letzte auf seiner Liste. Er musste sterben.
Renars Körper erschlaffte. Nur langsam löste Krest seine starren Finger von dem deformierten Hals. Alles in ihm sackte in sich zusammen und hinterließ ein Leere, die nicht einmal das betäubende Gefühl ersetzten konnte, dass ihn nun vollständig umfing. So miserabel fühlte er sich normalerweise nie, wenn er jemanden umbrachte.
Der lange Weg nach Unten.
Vielleicht hatte Renar Recht gehabt; einen anderen Weg gab es für Krest jetzt nicht mehr.

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